Nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela schwindet die Hoffnung auf weitere Überlebende. Da das kritische Zeitfenster von 72 Stunden nach der Katastrophe vom Mittwoch verstrichen ist, sinken Experten zufolge die Chancen rapide, noch lebende Menschen aus den Trümmern zu retten. "Es gibt ein Zeitfenster von etwa drei Tagen, danach nimmt die Wahrscheinlichkeit ab", erklärte der Leiter des Schweizer Rettungsteams, Sebastian Eugster. Dennoch suchten die mehr als 2600 ausländischen Helfer am Sonntag weiter nach Verschütteten. Am Wochenende konnten noch mehrere Kinder lebend geborgen werden.

Die Zahl der Toten stieg unterdessen auf mindestens 1450. Die US-Erdbebenwarte USGS schätzt, dass die Beben der Stärke 7,2 und 7,5 bis zu 10.000 Todesopfer gefordert haben könnten. Über die Zahl der Vermissten gibt es widersprüchliche Angaben: Während die Regierung von Hunderten spricht, listet die Opposition knapp 50.000 Personen auf. Laut Interimspräsidentin Delcy Rodríguez sind nach neuestem Stand 3150 Menschen durch das Unglück verletzt worden, mehr als 12.700 sind nun obdachlos. Nach Angaben der Regierung sind 774 Gebäude eingestürzt. Am schwersten getroffen wurde der Küstenstaat La Guaira nördlich der Hauptstadt Caracas, wo Hunderte Gebäude einstürzten.

Die Naturkatastrophe trifft das Land inmitten einer tiefen Krise. Delcy Rodríguez führt die Regierung erst seit Januar, nachdem ihr Vorgänger Nicolas Maduro durch einen US-Einsatz gestürzt worden war. Aus US-Regierungskreisen hieß es am Wochenende, Washington werde in Kürze ein weiteres Hilfspaket in dreistelliger Millionenhöhe ankündigen. Dies käme zu den bereits von der Regierung unter US-Präsident Donald Trump zugesagten 150 Millionen Dollar hinzu. Die Vereinten Nationen (UN) schätzen die Zahl der Betroffenen nach dem Erdbeben auf insgesamt sieben Millionen.