Die Mehrheit der Menschen in Deutschland blickt mit Sorge auf den politischen Einfluss von Social-Media-Plattformen - will aber gleichzeitig nicht darauf verzichten. Dies geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung und der Denkfabrik Agora Digitale Transformation hervor, wofür gut 2000 Personen befragt wurden. Demnach sehen 71 Prozent von ihnen den Einfluss der Plattformen auf die öffentliche Meinung kritisch. Zugleich können sich nur 18 Prozent vorstellen, soziale Medien und Messenger-Dienste komplett aufzugeben.

Die Studie zeigt ein klares Spannungsfeld auf. Obwohl den meisten Nutzerinnen und Nutzern Risiken wie Hassrede, Datenmissbrauch oder Desinformation bekannt sind, ändern sie ihr Verhalten selten. 73 Prozent der Befragten geben an, sie hätten sich mit den Risiken arrangiert. "Menschen in Deutschland nutzen Social-Media-Plattformen und Messengerdienste nicht nur, weil sie wollen, sondern auch, weil sie keine echten Alternativen sehen", sagte Vivien Benert von der Agora Digitale Transformation. Zudem sehen 62 Prozent es kritisch, dass die wichtigsten digitalen Plattformen in chinesischer oder US-amerikanischer Hand sind.

MEHRHEIT PLÄDIERT FÜR SCHARFE REGULIERUNG

Die Verantwortung für den Umgang mit dieser Plattformmacht sehen die Befragten vor allem bei den Unternehmen selbst und bei der Politik. Die Zustimmung zu einer strengeren Regulierung ist hoch: 85 Prozent unterstützen höhere Geldstrafen für Plattformbetreiber, die Regeln verletzen. Bei wiederholten Rechtsverstößen befürworten 80 Prozent sogar Schritte bis hin zur Sperrung oder zum Verbot von Plattformen. "Die Herausforderung besteht darin, bestehende Regeln wie den Digitale Services Act klar durchzusetzen und ihre Wirkung im Alltag der Menschen sichtbarer zu machen", sagte Digitalisierungsexpertin Asena Soydaş von der Bertelsmann Stiftung.

Die Bevölkerung versteht Plattformpolitik zunehmend als eine Frage der demokratischen Souveränität. 78 Prozent der Befragten wünschen sich ein selbstbewussteres Vorgehen Deutschlands und der EU gegenüber den großen Plattformkonzernen. Gleichzeitig halten 71 Prozent europäische Plattformalternativen für wichtig. Die Debatte über die Macht digitaler Plattformen beschäftige nicht nur Fachleute, hieß es: "Sie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen".